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Wir können es nicht erleben!

Auszüge aus einem Podiumsgespräch mit der Bühnenbildnerin Katja Eichbaum, dem Musiker und Regisseur Schorsch Kamerun und den Kunsthistorikern und Kuratoren der Fluxus-Ausstellung Bettina Kunz und Steffen Egle, moderiert von Dr. Ulrich Blanché, Kunsthistoriker
 
Ulrich Blanché Was war zuerst da, die Idee ein Theaterstück in Stuttgart zu machen oder die Idee, sich mit Fluxus zu beschäftigen?Schauspiel_Stuttgart-Denn_Sie_Wissen_Nicht_2_0074

Schorsch Kamerun Wir haben letztes Jahr die Ausstellung Fluxus! „Antikunst“ ist auch Kunst in der Staatsgalerie gesehen, das war sehr spannend. Fluxus ist schon etwas das mich interessiert, auch da es zu den so genannten Gegenkulturen gehört, von einer solchen – dem Punk – komme ich ja auch. Zunächst bin ich aber zu dem Ergebnis gekommen, Fluxus ist nichts für mich, jedenfalls als Möglichkeit für eine Aufführung.

U B Warum?

S K Zum einen da es zeitlich noch nicht weit genug entfernt ist, wir immer noch sehr drin stecken. Und es zum anderen ein sehr radikaler Gedanke war, der aber heute nicht mehr so wirkt. Es gibt bestimmte Aspekte daran, die eben sehr durchgesetzt erscheinen. Bei sehr radikalen Grundaufstellungen hat man häufig das Problem, dass sich das irgendwann einordnet. Die radikalste Geste landet det heute am schnellsten im Museum oder im Privatfernsehen. Fluxus ist eine Kunst, die sich dem freien Denken widmet, die extrem freiheitssuchend ist. Aber gerade diese Phänomene lassen sich auch besonders gut im Mainstream, gar in der Werbung verwerten und dann sind sie eben auch nicht mehr so scharf. Das ändert natürlich nichts an den interessanten Grundideen. Und daran halten wir uns auch. Einer der großen Grundgedanken von Fluxus ist ja das Netzwerk.

Die Fluxus-Künstler waren untereinander stark vernetzt, haben sich in ihren Arbeiten aufeinander bezogen. Eine Art erstes „Internet“, wie es in einem Film zu diesem Thema heißt. Das heutige Internet ist als Kommunikationsverflechtung inzwischen auch ein solches durchgesetztes Phänomen. Wir untersuchen nun den Gedanken, wie man mit dem entfesselten Netzwerk wieder beherrschbar umgehen könnte. Dafür schaffen wir ein räumlich begreifbares, analoges Netzwerk. Neben mir und der Band, den Schauspielerinnen und einer Tänzerin ist da eine große Gruppe von Menschen, die hier aus der Stadt kommen: Kunststudenten, Kunstdozenten, aber auch ein Posaunenchor. Sie alle kommen in diesen Raum, in das Foyer des Schauspielhauses, in diesen Parcours und probieren eine grundsätzliche Gemeinsamkeit aus. Dabei interessieren uns besonders auch Fragen nach Zeitwahrnehmung, wie sie John Cage stellte. Aber die Umsetzung soll keine Eins-zu-eins-Übersetzung sein, sondern nur verwandt. Unsere Grundsituation ist ein Konzert, das über Lautsprecher im ganzen Foyer zu hören ist. Die Texte der Songs sind aus Gesprächen mit den Mitwirkenden des Projekts entstanden.

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U B Du hast den Aspekt der Zeit genannt. In den Fluxus-Projekten wurde häufig mit sogenannten Eventscores, mit einer Art Partitur gearbeitet. Gibt es so etwas bei euch auch?

S K Wir arbeiten auch mit Partituren. Diese setzen wir dann unterschiedlich um – in Bewegung, Musik, Zeichnung etc. Aber auch ein „richtiges“ Theaterstück ergibt sich.

Bettina Kunz Musik und Fluxus hängen sehr eng zusammen. Die Fluxus-Kunst ist primär aus der Musik entstanden, man hat die Ideen von John Cage aufgegriffen. Nur ging es den Fluxus-Künstlern stärker darum, performative Elemente einzubauen. John Cage ging es vor allem um Musik und um Klänge. Hast du das, Schorsch, in irgendeiner Form aufgegriffen?

S K John Cage war ja jemand, der sehr genau war, ein präziser Musiker in diesem Sinne. Ich selbst komme eher aus dem Anti-Handwerk, aus der Punkbewegung, wo dieser Begriff „Das kannst auch du“ gilt. Man geht extra naiv an eine Sache heran. Wenn man das lange genug macht, beherrscht man es natürlich auch irgendwann. Was mich deshalb besonders interessiert, ist das Experiment, der Zufall.

Schauspiel_Stuttgart-Denn_Sie_Wissen_Nicht_2_0142Sich in eine neue Situation zu bringen, sich dabei selbst auszutricksen, damit wirklich Neues entsteht. Auch interessant: Sachen, die niemals „fertig werden“ können. Wie das wunderbare Langzeit-Projekt „Klangwechsel“ von John Cage in Halberstadt.

B K Ja genau, die Arbeit As Slow As Possible. Man soll die Partitur tatsächlich
so langsam wie möglich spielen. In Halberstadt auf der großen Orgel ist es daraufhin angelegt, dass es 639 Jahre dauern soll.

S K Solche Ideen treffen die Grundfrage. Sich damit zu beschäftigen, wie die Dinge starten, das interessiert mich sehr. Auch die Aussage von Cage, dass Alles Musik ist. Nicht nur die Zerstörung eines Klaviers, sondern jedes Material, also auch aus Nicht-Instrumenten, Musik herauszuholen – diese Art der Umdeutung. Ich probiere mit meiner Band auf der Bühne Ähnliches: Man
nimmt Dinge in die Hand, die sich eigentlich nicht spielen lassen. Denn wenn man etwas kann, wird es im ungünstigen Fall zu etwas Langweiligem, weil es erreicht ist. Und ich finde, in der Kunst sollte nie etwas gänzlich erreicht sein. Und so ist ja dieses Stück von Cage auch angelegt: Wir können es nicht erleben!

Schauspiel_Stuttgart-Denn_Sie_Wissen_Nicht_2_0176Steffen Egle Bei den frühen Fluxus-Festivals blieb der Zuschauer meistens Betrachter. In deiner Installation kann man sich frei bewegen, umhergehen, so lange an einem Ort verweilen, wie man möchte. Welche Rolle hat hier der Betrachter?

S K Es geht darum sich im Raum partizipatorisch frei bewegen zu können. Ich komme ja auch von der Bühne, wo es eine klare Trennung zwischen Mitwirkenden und Zuschauern gibt. Das ist hier nicht so. Dennoch wird die Experimentaufstellung „Analoges Netzwerk“ zuforderst von unseren Mitwirkenden ausprobiert, der Zuschauer betrachtet eher. Er wird nicht angehalten, Dinge nach- oder mitzuspielen. Es ist also auf keinen Fall Mitmachtheater. Das hat auch mit dem Begriff Distanz zu tun, weil jegliche Distanz heute überwunden scheint, alles so grausam aufdringlich ist. Deshalb finde ich es interessanter, wieder mehr Abstand zu entwickeln. Die Bewertung solcher Begriffe hat immer auch damit zu tun, in welcher Zeit man gerade steckt. Distanz bedeutet das Gegenteil von Spektakel, wir aber befinden uns – frei nach den Situationisten – mitten in der Gesellschaft des Spektakels, alles ist permanent Spektakel. Somit schaue ich mir die Dinge oft lieber aus der Entfernung an, als dass mich jemand an den Ohren in eines dieser „durchinszenierten“, grellen Events hineinzieht, welche uns tagtäglich auf den Senkel gehen.

Schauspiel_Stuttgart-Denn_Sie_Wissen_Nicht_2_0211U B Wie ist dein Verhältnis zu diesem Thema? Was bedeuten diese Überlegungen für die Raumgestaltung, Katja?

Katja Eichbaum Ich habe mich schon häufiger mit Fluxus beschäftigt, da es Parallelen zu meiner eigenen Arbeitsweise gibt. Schnittstellen, z.B. zwischen Fluxus und Minimal Art, an die ich mit meiner eigenen Denkweise anknüpfe. Schorsch und ich arbeiten seit einigen Jahren zusammen. Es passt sehr gut zu unserer Arbeitsweise, dass das Projekt hier im Foyer stattfindet, denn ich gestalte häufig parkähnliche Indoor-Landschaften. Es gibt einen Parcours, kleine Landschaften, die man frei durchwandern kann. In klassischen Parks gibt es vergleichbare „Welten“ – einen chinesischen Garten, eine kleine Ruinenlandschaft, eine Art Park im Park. An solchen Strukturen habe ich mich für die Installation orientiert. Aber man sieht auch Zitate von Experimentalarchitektur, wie sie sich im Stadtraum findet. Es gibt eine Art Mini-Terrassengarten, aus dem es zur Premiere dampfen wird, ähnlich einer Moorlandschaft, die man durchschreiten kann, ein „Wiener Caféhaus“, eine reanimierte, legendäre Stuttgarter Bar, eine Ausgrabungsstätte.

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Denn sie wissen nicht was wir tun
Eine Fluxus Konzertinstallation von und mit Schorsch Kamerun
Regie: Schorsch Kamerun
Mit: Besetzung: Christian Brachtel (Schlagwerk, Synthesizer), Sachiko Hara (Musiker), Berit Jentzsch, Schorsch Kamerun, Wolfgang Michalek (Einspieler Simme), Carl Oesterhelt (Musiker), Hanna Plaß, Abak Safaei-Rad, Stefan Schreiber (Musiker), Studierende der staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart: Carmen Bemmerer, Carla Ebert, Laura Fröhlich, Julia Hartmann, Mathias Anton Hartmann, Cody Klippel, Elmar Mellert, Lisa Moll, Jonas Monib, Monika Nuber (Lehrbeauftragte), Hannes Valentin, Posaunenchor der Evangelischen Christuskirche Stuttgart: Christoph Burckhardt, Ulrich Ebert, Rainer Ehe, Rebecca Ehe, Hans-Jürgen Grünefeld,Bernhard Herp, Moritz Herp, Antonius van Horb, Jacqueline Longhurst, Hartmut Nagel, Johannes Schmalzriedt, Christof Schmidt (Chorleitung), Harald Steinle, Matthias Weitbrecht, Michel Weitbrecht, Mitwirkende Kreative aus Stuttgart: Ben Angus, Abel Auer, Ulrich Braun, Susana Da Silva Costa, Moritz Finkbeiner, Nora Haser, Thorsten Gohl, Tobias Koch, Tim Kordik, Julia Lenzmann, Markus Milcke, Michael Paukner, Anne Pflug, Georg Richter, Mitwirkende Hospitanten: Anna Brown, Maria Landricina, Isabell Lawrence, Gina Neidhardt, Franziska Weber

Termine im Schauspiel Stuttgart hier

Fotos: Conny Mirbach

Das Schauspiel Stuttgart zeigt unter der Leitung von Armin Petras zeitgenössisches Theater im Kleinen Haus am Schloßgarten. Den Spielplan des Theaters und des Kammertheaters bestimmen, neben einem spielfreudigen Ensemble und modernen Interpretationen klassischer Dramatik, ein Austausch verschiedenster Kunstformen und eine Auseinandersetzung mit der Stadt und der Region Stuttgart sowie die Zusammenarbeit mit bekannten Regisseuren. Die Spielstätte Nord ist eine Plattform für neue Texte, Autoren und Formate.

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