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Offene Landschaften

In den Inszenierungen des Regisseurs, Bühnenbildners, Choreographen und Lichtdesigners Jo Fabian verschmelzen Sprache, Bewegung, Licht, Musik und Raum auf der Bühne zu einer eigenen, sich selbst durchdringenden Welt. Für das Schauspiel Stuttgart begibt er sich in dieser Spielzeit auf die Spuren des Surrealismus. Seine Lesart von Federico García Lorcas Stück Sobald fünf Jahre vergehen hat am 29. März 2014 im Kammertheater Premiere.
Kurz vor Beginn der Proben haben wir uns über seine Lesart von Federico García Lorcas Sobald fünf Jahre vergehen unterhalten.

Lena Fritschle Du hast dich für das am wenigsten gespielte Stück des Spaniers Federico García Lorca entschieden – wie kam es dazu?

Jo Fabian Bei der Stückauswahl ist mir eine klare, konventionelle Idee wichtig, die durch die leichte Verschiebung ins Surreale etwas sichtbar macht, das vorher nicht sichtbar war. Das heißt: Ich steh’ nicht so auf Texte, die das schon vorher alles würfeln. Sonst bräuchte es ja keinen Regisseur. Nach dem ersten Lesen fand ich Sobald fünf Jahre vergehen nicht besonders geschmeidig, aber
durchaus interessant, um es sich als Aufgabe zu stellen. Ich war ein bisschen überrascht, dass es einen Bruch gibt nach den ersten beiden Akten. Zwei Akte Kammerspiel, ein bisschen Psychologie, ein wenig Poesie, rätselhafte Sprachgebilde. Und dann bricht das urplötzlich um, in eine offene Landschaft, voller neu erfundener Figuren, die erstmalig erscheinen. Das fand ich beim ersten Lesen nicht besonders gelungen. Ich habe das für einen Ausflug von
Lorca in den Surrealismus gehalten, um Dalí und Buñuel nachzujagen, die er kurz zuvor als Freunde verloren hatte. Aus dem Stück spricht das Gefühl „Der Zug ist abgefahren und ich bin zuhause geblieben“ – sozusagen auf der Volksdichtung sitzengeblieben; es kann sein, dass das so ein Nacheifermotiv war und er sich deswegen möglicherweise ein bisschen in Gefilde begeben hat, die gar nicht so die seinen waren.

LF Hast du denn bereits einen Lösungsansatz für diese „Aufgabe“ parat?

JF Das Stück bietet sich in jedem Falle dazu an, um aus dem Text, oder aus dem, was man davon versteht, ein eigenes emotionales Thema zu destillieren. Diese Lösung verkürzt einiges von dem, was Lorca so detailgetreu ausgearbeitet hat und hat insofern nicht nur mit Lorca zu tun, sondern auch mit dem Versuch, eine Vorlage als Quelle für die eigene Arbeit zu verstehen. Ich versuche nicht das, was auf dem Papier steht, zu inszenieren, sondern das, was mit mir beim Lesen passiert, auf die Bühne zu bringen.

LF Das wäre in diesem Fall?

JF Der Eindruck, dass man eigentlich klarere Situationen schaffen kann: Zu Beginn ist der Text vom Sujet her ziemlich an den Realismus angelehnt, aus dem dann große Fragen entstehen: Dass wir zu spät begreifen, was wir lieben, oder was wir brauchen – also erst, wenn es schon verdorben ist, oder unerreichbar weit weg – dieses Thema finde ich im Stück sehr spannend. Und es gibt weitere wichtige Themen: Die Angst, der Respekt vor dem Fremden,
Ungewohnten, Unfassbaren, Unendlichen – also Haltlosen – ohne Umriss und gleichzeitig die Überwindung eben dieser Angst. All diese Themen durchziehen und verändern die Hauptfiguren, vor allem die Titelfigur des „jungen Manns“. Dieser junge Mann ist am Ende des Stücks eine völlig andere Figur als noch im ersten Akt: Zu Beginn ist er ein „Häuslebauer“ mit ganz bürgerlichen Vorstellungen von seiner eigenen Zukunft – der ziemlich enttäuscht wird, als er auf eine moderne Frau trifft, die sich nicht in seine Vorstellungen einfügen möchte. Dann verschwindet nach und nach alles, was dem jungen Mann an Struktur gegeben ist und woran er sich festhalten kann. Er geht auf die Suche nach dem Unbekannten – nach seiner wahren Lieben, mit der Frage danach verknüpft, ob er sie findet.

LF Du bist nicht nur Regisseur, sondern auch dein eigener Bühnenbildner. Wie stellt der sich die Umsetzung dieser Überlegungen vor?

JF Da hast du – mitten in diesem zweigeteilten Stück – natürlich auch einen Wandel des Bildes. Insofern wird es zum dritten Akt hin einen deutlicheren Wechsel geben – nicht in dem Sinne, dass da ein surreales Bild der Gewalt entsteht. Die Bedrohung, die das freie Leben für den jungen Mann mit sich bringt, entsteht eher dadurch, dass die Wände an denen er bislang – räumlich wie gedanklich – entlang gelaufen ist, verschwinden, der Raum offener wird. Bildlich gesprochen: Während zu Beginn eine heimelige Innenraumatmosphäre angedeutet wird, ist der dritte Akt von einer Leere, einer Unendlichkeit geprägt – nur bestückt mit einzelnen Versatzstücken aus einem früheren Leben.


 

Sobald fünf Jahre vergehen
von Federico García Lorca
Regie, Ausstattung & Musik: Jo Fabian
Mit: Boris Burgstaller, Gabriele Hintermaier, Caroline Junghanns, Marianne Helene Jordan*, Arlen Konietz*, Elmar Roloff, Florian Rummel, Michael Stiller, Nathalie Thiede * Studierende der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart

Premiere: 29. März 2014 // 20:00 Uhr // Kammertheater …mehr

Das Schauspiel Stuttgart zeigt unter der Leitung von Armin Petras zeitgenössisches Theater im Kleinen Haus am Schloßgarten. Den Spielplan des Theaters und des Kammertheaters bestimmen, neben einem spielfreudigen Ensemble und modernen Interpretationen klassischer Dramatik, ein Austausch verschiedenster Kunstformen und eine Auseinandersetzung mit der Stadt und der Region Stuttgart sowie die Zusammenarbeit mit bekannten Regisseuren. Die Spielstätte Nord ist eine Plattform für neue Texte, Autoren und Formate.

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