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Analoge Netzwerker

BildFilmstill aus Flux Us Now, Diagramm von Hannah Higgins

Schorsch Kameruns begehbare Konzertinstallation Denn sie wissen nicht was wir tun nähert sich der Idee Fluxus, eine der wichtigsten Avantgardebewegungen der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts, über den Weg der Begriffsbefragung an Fluxus revolutionierte den Kunstbegriff der 60er Jahre, indem es die Grenzen zwischen Leben und Kunst, zwischen unmittelbarer Alltäglichkeit und erstarrtem Werkbegriff auflöste oder überschritt. Die materialisierten Zeugen finden sich in Form von Dokumenten und Objekten unter anderem im Archiv Sohm in der Staatsgalerie Stuttgart, einer der bedeutendsten Sammlungen zu diesem Thema. Kamerun und sein Team widmen sich dem Basisbedürfnis der Fluxusbewegung, dem Künstler-Netzwerk, und nehmen dieses zum Anlass unsere Gegenwart auf Möglichkeiten des verlässlichen analogen Vernetzens, der ›echten‹, physischen Begegnung und räumlichen Verortung in Zeiten des unbegrenzten Digitalen zu untersuchen.

Auszüge aus einem Gespräch mit Schorsch Kamerun über dieses Ideenexperiment, seine Entstehung und die Sehnsucht nach Begrenzung in gemeinsamer Entschleunigung

»Inzwischen steht die ganze Welt in dauerhafter Verflechtung. Das bringt uns dazu, nachzufragen, was aus dem ›Wir‹ von damals geworden ist. Versuchsweise wollen wir in unserer Konzert- und Schauspielinstallation die digitale Wirklichkeit noch einmal zurückfahren und darüber nachdenken, was wir stattdessen als Verbindungen nutzen können. Wir werden versuchen Bilder zu entwickeln, die für eine Art von ›purem Wir-Gedanken‹ stehen könnten. Dahinter steht auch die These, dass man aktuell wieder verstärkt anfängt, sich zu versammeln. Dass man trotz permanenter Vernetzung so vereinzelt empfindet, erzeugt heute den dringenden Wunsch wieder vermehrt physisch aufeinander zu treffen. Eine Präsenz haben, sich zeigen und bleiben, das funktioniert wieder in einer Vehemenz wie es sie lange nicht gegeben hat. Frische, politische Begegnungsoptionen entstehen dabei in hoher Frequenz. Parallelen zwischen den nordafrikanischen Umstürzen, den Aufständen in Osteuropa, Proteste in Griechenland, Spanien, Portugal, Frankreich, die Occupy-Camps, das Revival der Versammlungen auf der Agora, also den Stadtplätzen, wie Tahir, Taksim und Maidan sind dabei genauso deutliche Zeichen wie die so genannten Wutbürger. Auch die Krawalle in London, neu entdeckte Ungehorsamkeit und wütende Demonstrationen gegen Gentrifizierung erscheinen nicht zufällig. In einer überkomplexen Welt ist die Sehnsucht nach direkter Zugehörigkeit steil ewachsen, gesucht sind Stimmen die deutlich rufen: Schaut her, wir sind ganz viele und wir sind wirklich da.«

»Die Menschen haben Angst, im Cyberspace zu verschwinden. Die Möglichkeit, dass wir superschnell an verschiedenste Orte  gelangen, überall gleichzeitig sein können, ist erreicht und befremdet nur noch. Man ›dematerialisiert‹ sich in einer vollständig entgrenzten Welt und deshalb steigt die Suche nach Überschaubarem. Neurologen zeichnen das panische Bild eines Käfers, der plötzlich keinen Chitinpanzer mehr hat.«

»Mitmachen werden ungefähr 50 interessierte Laien und Profis aus Stuttgart, die sich in diesem experimentellen Set aufhalten – ein Posaunenchor, Kunststudenten, Leute aus der ›Ausgeh- und Kreativszene‹ – die dann in Gruppen, das ist das Thema, zu einer klaren Übereinkunft kommen müssen. Dazu kommen die Schauspieler und eine Tänzerin aus dem Ensemble mit denen wir einen Theaterblock über den heutigen Nutzen von Untüchtigkeit als Strategie uraufführen wollen. Eine Band, angeführt von dem Musiker und Komponisten Carl Oesterhelt spielt den Soundtrack, der in das gesamte Foyer hinein übertragen wird. Es gibt einen Sänger, das bin ich. Vielleicht noch mehr Sänger und Sprecher. Die Songtexte und das kleine Schauspiel, entstehen aus Gesprächen mit den Beteiligten der Produktion und mit Experten. Wir alle sind Teil der Gruppe, die möglicherweise in einer Stadt wohnt und die sich damit beschäftigt, was heute ›Versammlung‹ sein kann, wie man mit Zeit umgehen kann, total offline. Ein gänzlich analoges Netzwerk inspiriert von den Dehnungen und Konzeptstrategien von zum Beispiel den Fluxuskünstlern Yoko Ono oder John Cage.«

»Denn sie wissen nicht was wir tun spielt im ganzen Foyer des Schauspielhauses und ist Konzert, Installation und Schauspiel zugleich. Dabei können die Zuschauer frei umher gehen und es gibt eine Art Architektur aus unterschiedlichen Erinnerungen – ein Pavillon, ein Viadukt, eine Ausgrabungsstätte, utopische Stadtkonstruktionen, alles ist Baustelle, Weg und gleichzeitig Ziel. Zu Beginn ist die Installation eine simulierte, unfertige Versammlungssituation, eine Art Parcours, ein Park oder zweckmäßige Eventarchitektur, wie Städte heute eben funktionieren. Alle unsere Mitmachenden werden aufgerufen sein diese scheinbar bekannte Umgebung mit ihren eigenen Wünschen neu und erkennbar zu klären. Wie sieht das aus wenn eine Gemeinschaft unbeeinflusst gestaltet, welche Kriterien mit welchem Nutzen oder Unnutzen? Wie lässt sich heutiger Daueroptimierungszwang in sinnvolle Passivität umdrehen? Verweilender Genuss oder fortschreitendes Wachstum? Engagierte Selbstverwirklichung oder kollektives Innehalten?«

»Es gibt Milliarden von Möglichkeiten, aber bei allem, was man macht, wird einem gesagt, das gab es vorher schon einmal. Man versucht also, sich wieder ganz bewusst zurückzuschrauben, eines der Gründe für Retro und Vintage – also wenn schon keine richtig neuen, dann wenigstens bekannte Bilder abgeben aus Zeiten, die nicht, wie die heutigen, unübersichtliche Super-Collage waren.«

»Fluxus war eine Bewegung, die sich weltweit verstanden und auch so miteinander kommuniziert hat. In einem Dokumentarfilm über Fluxus spricht einer der Protagonisten davon, dass sich das Kollektiv als internationales Netzwerk, sich quasi als Internet-Vorläufer verstand. Künstler, die auf der ganzen Welt verteilt sind, bekennen sich zu einer bestimmten Idee und vernetzen sich. Es entstand ein weltumspannendes, damals noch recht überschaubares Einmischungsinstrument, welches wir in unserem Projekt auf seine aktuelle Wirksamkeit hin überprüfen wollen, auch weil es in der heutigen Zeit über die Maße durchgesetzt erscheint, vielleicht erleben wir sogar ein bisschen zu viel Netzwerk, in dem wir uns geschwürartig verkleben können. Die erkämpfte Möglichkeit nach kollektiver Intervention gerät an den Rand des Aushaltbaren, weil sie pausenlos geworden ist.«

Denn sie wissen nicht was wir tun
Eine Fluxus-Konzertinstallation von und mit Schorsch Kamerun, in Kooperation mit der Staatsgalerie Stuttgart
Regie: Schorsch Kamerun; Bühne: Katja Eichbaum; Kostüme: Aino Laberenz, Yvette Schuster; Musik: Carl Oesterhelt; Dramaturgie: Verena Elisabet Eitel, Carmen Wolfram; Mit: Berit Jentzsch, Hanna Plaß, Abak Safaei-Rad; Christian Brachtel, Sachiko Hara, Schorsch Kamerun, Carl Oesterhelt, Stefan Schreiber (Musiker) und zahlreiche Mitwirkende aus Stuttgart

Uraufführung: 28. März 2014 // 21:00 Uhr // Foyer Schauspielhaus
Weitere Vorstellungen: 29.03. // 31.03. // 01.04. // 02.04. // 03.04. // 24.04. // 25.04. // 26.04. (zum letzten Mal in dieser Spielzeit)
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Stuttgart × Blicke: Fluxus – Analoge Netzwerker
22. März 2014 // ab 14:00 Uhr

14:00 & 15:00 Uhr  Führung Archiv Sohm // Staatsgalerie Stuttgart  (Anmeldung über den Führungsservice Staatsgalerie unter fuehrungsservice@staatsgalerie.de oder Telefon 0711.47 04 04 53)

17:00 Uhr Gespräch // Foyer Schauspielhaus
Mit: Schorsch Kamerun, den Kuratoren der Ausstellung Fluxus! »Antikunst ist auch Kunst« und Fluxus-Experten der Staatsgalerie
In Kooperation mit der Staatsgalerie Stuttgart
Eintritt frei! …mehr

Das Schauspiel Stuttgart zeigt unter der Leitung von Armin Petras zeitgenössisches Theater im Kleinen Haus am Schloßgarten. Den Spielplan des Theaters und des Kammertheaters bestimmen, neben einem spielfreudigen Ensemble und modernen Interpretationen klassischer Dramatik, ein Austausch verschiedenster Kunstformen und eine Auseinandersetzung mit der Stadt und der Region Stuttgart sowie die Zusammenarbeit mit bekannten Regisseuren. Die Spielstätte Nord ist eine Plattform für neue Texte, Autoren und Formate.

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