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Die Entzauberung der Welt

von Bernd Isele

Als Einleitung zum ersten seiner drei Märchenalmanache schreibt der in Stuttgart geborene Autor Wilhelm Hauff im Jahr 1826:„In einem schönen, fernen Reiche, von welchem die Sage lebt, dass die Sonne in seinen ewig grünen Gärten niemals untergehe, herrschte von Anfang an bis heute die Königin Phantasie.“ Diese Königin gefiel sich darin, ihre Kinder auf die Erde zu senden, um die Menschen zu beglücken, unter ihnen die älteste Tochter, genannt: Märchen. Doch eines Tages kam „Märchen“ niedergeschlagen von der Erde zurück. Wo immer sie hingekommen sei, so erzählt sie bekümmert, seien ihr die Menschen mit kalten Blicken begegnet, statt wie früher „ein Stündchen mit ihr zu verplaudern“. Böse Wächter seien erschienen, mit ihnen hätten Verleumdungen und Missgunst bei den Menschen Einzug gehalten. „Märchen“ hingegen sei nirgendwo mehr gern gesehen, denn die Zeit selbst sei bei den Menschen zu einem raren Gut geworden.

Auch wenn das Märchen vom „Märchen“ glücklich endet, verbirgt sich
hinter dem romantischen Erzählduktus Wilhelm Hauffs ein bitterer Geschmack.
Der ehemalige Klosterschüler und Stipendiat des Evangelischen Stifts in Tübingen hatte ein feines Gespür dafür, dass jene Zeitenwende eingesetzt hatte, die Max Weber ungefähr 80 Jahre später in seinem Aufsatz Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus als „Entzauberung der Welt“ beschreiben sollte. Bereits in den frühen Erzählungen von Wilhelm Hauff tauchen das „Chaos der jetzigen Zeit“ und die Ökonomisierung des Metaphysischen als literarisches Motiv auf, etwa in dem anonym veröffentlichten Erstlingswerk Mitteilungen aus den Memoiren des Satan. Dass „Entzauberung“ und „Kapitalismus“ die beiden Seiten einer Medaille waren, bestätigt schließlich der Märchenalmanach auf das Jahr 1828 und dessen berühmteste Binnenerzählung Das kalte Herz. Die Macht des Kapitals führt hier – inmitten des urromantischen Sujets einer Wald- und Dorfgesellschaft – zu sozialer Kälte und zur Versteinerung der Herzen, ihrer Erstarrung, ihrer Entwertung, ihrer Ersetzung durchs Geld.

Schon die beiden Waldgeister, die in Das kalte Herz die Polarität zwischen
Gut und Böse verkörpern, stehen für zwei sozioökonomische Prinzipien: das Glasmännlein für die Glashütten und die frühen Formen der Industrialisierung, der Holländermichel für die Flößerei und die damit verbundene Erschließung der Handelswege über die Nagold, den Neckar und den Rhein. Beides, vor allem aber der Fernhandel nach Holland, spülte Taler und Gulden in nie gekannter Menge in den Schwarzwald und setzte das vorindustrielle Sozialgefüge binnen weniger Jahre außer Kraft. 1825 beklagte eine Kommission des Badischen Landtags die „herzlose Bedrückung einer wehrlosen Schar abhängiger Arbeiter“, die ganze Familien in den Ruin führe. Im selben Bericht war von den Auswüchsen des Wuchers die Rede und vom Prosperieren einer neuen Form des Spekulantentums. „In Holland gibt‘s Gold, könntet‘s haben, wenn Ihr wollt“ lautet der diabolische Lockruf, dem Peter Munk und mit ihm der halbe Schwarzwald erliegt. So finden sich in der Sammlung des Holländermichels neben „sechs Herzen von Kornwucherern acht von Werbeoffizieren, drei von Geldmaklern“ und so weiter. Doch neben unermesslichem Reichtum, Glanz und Ansehen beschert die wirtschaftliche Umwälzung die Gier. Der Pakt mit dem Bösen lässt die Menschen rücksichtslos, stumpf und gleichgültig werden. Aus dem Köhlerburschen macht er einen Mörder, dessen Leben fortan der Mechanik eines Würfelspiels gleicht und sich der Sucht des Maximalgewinns unterordnet. Auf den gesellschaftlichen Umbruch folgt die Zerstörung menschlicher Psyche, die Wilhelm Hauff mit seismographischem Gespür und großer Drastik schildert: Depression, Entfremdung, Alkoholismus, Spielsucht und Gefühlskälte als Rüstzeug der neuen Zeit.

Wilhelm Hauff nutzt die Urform des Märchens für eine radikal politische Analyse seiner Umgebung, von den ökonomischen und sozialen Verwerfungen bis hin zu den psychischen Folgeschäden seiner Generation. Es geht ein Riss durch das Menschenbild der Aufklärung, eine Spaltung zwischen Rationalisierung und Natur, die bis in die zentrale Metapher des Herzens nachwirkt: Als Sitz menschlicher Gefühle – Freude, Trauer, Hoffen, Sehnsucht, Liebe, Mitleid – steht das Herz für die Summe natürlicher Existenz. „Wenn Peter Munk an seinem Meiler saß, stimmten die dunklen Bäume umher und die tiefe Waldesstille sein Herz zu Tränen und unbewusster Sehnsucht“, heißt es zu Beginn des Textes. Andererseits wird dieses Fenster zur menschlichen Seele schon bei Wilhelm Hauff zur technischen Apparatur: So bittet Peter Munk den Holländermichel darum, ihm „die Unruh aus dem Gehäuse zu nehmen“ und denkt bei der Melodie schlagender Herzen „an die Werkstatt eines Uhrmachers“. Auch mit solchen Vergleichen nähert sich Hauff dem Reich der Entzauberung: dem Feld der Mechanisierung, dem Sound der Maschinen.

Ebenso wie bei Wilhelm Hauff, stehen sich auch in der Stuttgarter Inszenierung verschiedene Welten gegenüber: die Frage nach dem modernen Gehalt des Textes steht neben Bildern einer unerschütterten Tradition, die Tänze der Volkstanzgruppe Frommern neben den Choreografien der „Waldmenschen“, das Märchen neben der Gegenwart. Wie schon bei Hauff bedingen sich diese Elemente wechselseitig. Sie beschreiben eine Spannung zwischen dem Gestern und dem Heute, die schon für die Entstehungszeit von Das kalte Herz konstitutiv war, auch wenn sie am Ende der Erzählung unauflösbar blieb: Im letzten Kapitel steht Peter Munk – wenn auch um wichtige Erfahrungen reicher – wieder an dem Ort, von dem er aufgebrochen ist: im Dasein eines Köhlers. Das Glasmännlein hat die Hütte in ein Bauernhaus verwandelt und vermacht dem Kohlen- Peter ein bescheidenes Auskommen: einige „gute, neue badische Taler, und kein einziger falscher darunter“, so schreibt Hauff nicht ohne Ironie. Die Spannung zwischen Tradition und Moderne ist damit nicht aufgehoben – sie weicht der Flucht in eine Idylle, die bereits in die Zeit des Biedermeier vorausweist. Hauff und sein geläuterter Märchenheld Peter Munk treten jenen Rückzug ins Private an, den schon die unmittelbaren Nachfolger des Autors – etwa Eduard Mörike – als die neurotische Enge der Restaurationsepoche erlebten.

„Die Entzauberung der Welt“ ist ein Originalbeitrag von Bernd Isele für das Programmheft zur Inszenierung „Das kalte Herz“.

Das kalte Herz
nach der Erzählung von Wilhelm Hauff

Mit: Johann Jürgens, Rahel Ohm, Caroline Junghanns, Wolfgang Michalek,
Christian Schneeweiß, Berit Jentzsch, Manja Kuhl, Miles Perkin,
Frederik Bott*, Jessica Cuna*, Alexey Ekimov*, Lucie Emons*,
Laura Locher*, Rudy Orlovius*, Susanne Schieffer*, Philipp Sommer*
(*Studierende der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende
Kunst Stuttgart) und die Volkstanzgruppe Frommern Schwäbischer Albverein

Regie: Armin Petras, Bühne: Olaf Altmann, Kostüme: Katja Strohschneider,
Video: Rebecca Riedel, Musik: Miles Perkin, Choreografie: Berit Jentzsch,
Dramaturgie: Jan Hein, Bernd Isele

Premiere am Samstag, 22. Februar 2014 im Schauspiel Stuttgart
Weitere Termine und karten …hier

Das Schauspiel Stuttgart zeigt unter der Leitung von Armin Petras zeitgenössisches Theater im Kleinen Haus am Schloßgarten. Den Spielplan des Theaters und des Kammertheaters bestimmen, neben einem spielfreudigen Ensemble und modernen Interpretationen klassischer Dramatik, ein Austausch verschiedenster Kunstformen und eine Auseinandersetzung mit der Stadt und der Region Stuttgart sowie die Zusammenarbeit mit bekannten Regisseuren. Die Spielstätte Nord ist eine Plattform für neue Texte, Autoren und Formate.

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