Produktionen

Die Leiden des jungen Peter

Ein Märchen als erste große Neuinszenierung in Stuttgart – für Armin Petras völliges Neuland. Sich und sein Publikum ins kalte Wasser werfen, das macht der neue Intendant gerne. Und auch wenn Wilhelm Hauffs Das kalte Herz von 1827 eigentlich eher Bildungsroman und Gesellschaftskritik denn klassisches Märchen ist: Die Reise vom Schwarzwald zur Premiere am 22. Februar 2014 ist für ihn ein großes Abenteuer.Schwarzwald 201013 078

Kein Zweifel: Seine Reise durch den Schwarzwald hat Petras sensibilisiert.
Für das Stück, für Wilhelm Hauff, für die Region an sich. Ein Fremder in der Fremde, ein Spurensucher war er, hat sich aufgemacht, nicht das Fürchten, aber sicherlich die Gepflogenheiten jener Region zu lernen, die der junge Hauff im „kalten Herz“ so wohlbeobachtet beschrieben hat. Mitgebracht hat Petras einige Zweige, einen kuriosen Pilz, jede Menge Fotos und zahllose Eindrücke aus Landstrichen, die nicht besser für jene „Spurensuche“ geeignet sein könnten, die Petras und sein Ensemble über die neue Spielzeit gesetzt haben. Wie er daraus die Geschichte des verzweifelten Kohlenmunk-Peter erzählen wird, der für Reichtum und Ansehen sogar sein Herz durch einen Stein ersetzen will, weiß er selbst noch nicht so genau. Doch genau das ist das Spannende für ihn.Schwarzwald4

Ein Fremder inszeniert einen heimatgebundenen Stoff’. Ist das kein
Widerspruch?
Natürlich kann der Vorwurf kommen, dass ich so etwas doch gar nicht erzählen kann. Dazu fallen mir jedoch zwei Dinge ein: Erstens geht es mir um eine Geste, die für mich auch eine Verbeugung vor der Region ist. Wir zeigen echtes Interesse an den Menschen dieser Region in all ihrer Vielfalt und kulturellen Historie. Dass wir Spuren suchen, ist keine Behauptung. Wir versuchen es wirklich. Das will ich in meiner Arbeit beglaubigen, denn das ist die einzige Form der Beglaubigung. Jedes dahingehende Lippenbekenntnis würde ein solches bleiben. Zweitens glaube ich an die Distanz zu einem Stoff. Bedeutende Soziologen und Philosophen hatten, gerade weil sie als Juden oder Immigranten fremd waren in einer Gesellschaft, einen anderen Blick auf die Region. Ein fremder Mensch erkennt viel mehr von dem, was in der Suppe schwimmt, als ein Einheimischer. Das Theater ist dazu da, immer wieder neu zu interpretieren. Die Zeit verändert unser Leben schließlich. 2013 ist anders als 2003. Alles andere wäre tragisch.


Ein Märchen als ihre große Premiere scheint dennoch ungewöhnlich.
Wir machen vieles anders. Bei uns gibt es eben nicht dreimal Schiller und vor Weihnachten die „Weihnachtsgeschichte“. Wir machen andere Stoffe,zwischen denen es ungewöhnliche Verknüpfungen gibt. Außerdem habe ich noch nie in meinem Leben ein Märchen inszeniert. Noch nie! Für mich ist es eine Herausforderung, ob dieser Stoff überhaupt inszenierbar ist. Gleichermaßen ist Das kalte Herz mein Versuch zu zeigen, wie unser Theater mit euren Stoffen funktionieren kann – und ich wage zu behaupten, dass wir versuchen werden, dieses Märchen für Erwachsene interessant zu machen. Es wird generell eher als kindlicher Stoff aufgefasst,aber ist er das wirklich? Spurensuche heißt eben auch, Steine umzudrehen und zu schauen, was sich im Moos darunter befindet. Was ist anders als ich es eigentlich erwartet habe? Ich behaupte, dass diese Irritation der Grund war, weshalb man mich nach Stuttgart geholt hat – und diesem Bestreben muss ich treu bleiben, sonst erschaffe ich falsche Kunst.

Genießen Sie diese Reise ins Ungewisse?
Ich kann gar nicht anders. Ich würde komplett versagen, wenn ich genau das machen würde, was ich letztes Jahr gemacht habe. Natürlich benötige ich eine Grundsicherheit im Denken, doch bei allem anderen gilt es, sich jeden Tag neu zu erfinden.

Und wie erfindet man ein Märchen neu?
Ich finde das Märchen hochemotional, will im Stück deswegen vermehrt mit Tanz und Musik arbeiten. Sie deuteten schon an, dass da auch eine Faust-Geschichte drinsteckt, es schimmert aber auch ein Bildungsroman daraus hervor. Für mich sind es die neuen „Leiden des Werther“. Ein junger Mann verzweifelt, steht kurz vor seinem Selbstmord und geht einen Pakt ein. Kann man dann noch glücklich werden? Und wie sieht Glück überhaupt aus? Das ist auch in unserer heutigen Gesellschaft eine wichtige Frage. Erst neulich las ich, dass der Hauptberufswunsch 17-jähriger Mädchen „Promi“ ist. Wie wird man überhaupt „Promi“? In meiner Generation wäre das noch unmöglich gewesen, denn damals wusste niemand, was ein „Promi“ ist. Der Anspruch, im Zentrum der Welt zu stehen, ist ein spannender Punkt für die Gegenwart.

Wird auch der von Hauff’ angedeutete Frühkapitalismus einer ihrer Ansätze?
Für mich als Regisseur ist dieses Thema ein zentraler Punkt der nächsten zwei, drei Jahre meiner Arbeit. Ich finde es unglaublich spannend, zu schauen, zu forschen, zu recherchieren. Wo kommt denn das her, was wir jetzt vorfinden? Zumal wir in Stuttgart ein äußerst unausgeprägtes Utopiepotential haben. Extrem wenige Dinge sind hier wirklich neu und im Umbruch. Strukturell ist das hier eine erstaunlich durchorganisierte Gesellschaft. Ich frage mich, wie das gekommen ist, ob das schon immer so war und ob man daran noch etwas ändern kann. Ich finde es erstaunlich, dass eine Problematik wie Stuttgart 21 nach all den Jahren immer noch solch ein Thema ist. Und das wegen nur einer Baustelle! Auch erstaunlich ist, dass die Gesellschaft noch immer unter dem leidet, was Hauff’ beschreibt. Das gilt es jetzt zu inszenieren, und ich bin gespannt darauf, ob die Zuschauer diese Parallelen entdecken. Ich glaube, dass wir ein relativ historisches Outfit für das Stück wählen werden, um die zeitlose Relevanz nicht mit dem Holzhammer einzuprügeln. Bleiben dem Zuschauer diese Vorgänge verborgen? Wie reagiert er darauf?

Der Stoff’ wurde oft interpretiert, verfilmt, dramatisiert. Auch 1950 von der DEFA …
Der DEFA-Film ist eine große Inspirationsquelle für das Stück und wird in Teilen auch in die Handlung einfließen. Die wichtige Funktion der weiblichen Hauptfigur Lisbeth, wie es sie im Film gab, wird eine herausragende Rolle spielen.

Was beeindruckt sie denn eigentlich an Hauff’?
Hauff pflegt eine unglaublich sinnliche Sprache. Er spricht von „Hüten so groß wie Wagenräder“. Das ist ganz sinnlich, ganz praktisch, direkt aus dem Alltag. Das ist keine metaphorische Sprache, die sich ein Lyriker oder Autor zurechtgelegt hat, sondern eine Lebenswirklichkeit. Und wenn man bedenkt, dass zur Hauff’schen Zeit noch Gold gewaschen wurde, wenn man sich die Lithografien der damaligen Zeit anschaut, in denen Frauen mit ihren kleinen Kindern an der Brust in einer Uhrenwerkstatt gearbeitet haben, merkt man, dass es sich hier um eine homogene Gesellschaft handelt. Das bedeutet nicht, dass es keine Probleme gab. Arm und reich gab es im Schwarzwald schon immer.

Das treibt auch den armen Peter Munk zu seiner Verzweiflungstat: Er geht einen Pakt ein und sein Herz wird zu Stein, weil er so sehr danach strebt, reich und besonders, jemand anderes zu sein. Ein klassisches Problem, denn ist nicht jeder von uns irgendwann mal ein Peter Munk?
Als junger Mann war das wohl jeder schon mal, aber auch als junge Frau. Die Grenze zum Erwachsenwerden ist der spannendste Punkt im Leben eines jeden Menschen. Was werde ich? Wohin wird es mich führen? Es ist das große Ungewisse.

Gespräch und Text: Björn Springorum. Das Gespräch entstand für Das Journal Nr. 10  – das Journal als PDF finden Sie …hier


Das kalte Herz
nach der Erzählung von Wilhelm Hauff
Regie: Armin Petras
Mit: Besetzung: Berit Jentzsch (Glasmännlein), Johann Jürgens (Kohlen Munk), Caroline Junghanns (Lisbeth), Manja Kuhl (Chorführerin), Wolfgang Michalek (Holländermichel / Ezechiel), Rahel Ohm (Munks Mutter), Miles Perkin (Black Forest), Christian Schneeweiß (Tanzbodenkönig / Onkel), Frederik Bott*, Jessica Cuna*, Alexey Ekimov*, Lucie Emons*, Laura Locher*, Rudy Orlovius*, Susanne Schieffer*, Philipp Sommer* (*Studierende der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart) (Waldmenschen), Volkstanzgruppe Frommern Schwäbischer Albverein (Das Dorf)

Premiere am 22. Februar 2014 im Schauspielhaus …mehr

Das Schauspiel Stuttgart zeigt unter der Leitung von Armin Petras zeitgenössisches Theater im Kleinen Haus am Schloßgarten. Den Spielplan des Theaters und des Kammertheaters bestimmen, neben einem spielfreudigen Ensemble und modernen Interpretationen klassischer Dramatik, ein Austausch verschiedenster Kunstformen und eine Auseinandersetzung mit der Stadt und der Region Stuttgart sowie die Zusammenarbeit mit bekannten Regisseuren. Die Spielstätte Nord ist eine Plattform für neue Texte, Autoren und Formate.

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