Produktionen

Don Quijote, Philosoph und Revolutionär

Regisseur Simon Solberg im Gespräch

Erschienen im Programmheft zur Inszenierung „Urgötz“, Premiere am 25.10.2013 im Schauspielhaus

Anna Haas Goethes Götz von Berlichingen trägst du schon lange mit dir herum. Was reizt dich an dem Stoff?
Simon Solberg Als Sozial-Romantiker, Utopist, Antifa-Sympathisant und Sturm und Drang-Fan liebäugle ich in der Tat schon lange mit dem Götz. In seiner Mischung aus Dickköpfigkeit und Rechtschaffenheit ist er ein Don Quijote im Kampf mit den Windmühlen des Systems. Goethes radikale Erzählweise fordert und beflügelt gleichermaßen, diese Geschichte eines deutschen Helden, unkonventionell, politisch und emotional zu erzählen.
A H Wir haben uns für die Urfassung entschieden, da hier Gesellschafts-
und Zeitkritik noch radikaler formuliert ist als in der späteren Fassung. Wogegen kämpft Götz?
S S Gegen Willkür und Lobbyismus. Dass eine kleine Machtelite zur Finanzierung ihrer Prunkbauten die Massen an klein gehaltenen Bauern ausbeutet, ist erschreckend heutig. Dieser Machtapparat setzt alle Hebel – über Verleumdung, Gerichtsprozesse bis zum Mord – in Bewegung, um eine außergewöhnliche Persönlichkeit, die die Massen zum Aufstand ermutigen könnte, ruhig zu stellen.
A H Goethe nennt seinen Götz einen „rohen, wohlmeinenden Selbsthelfer in anarchischer Zeit“. Ist er in deinen Augen ein Revolutionär?
S S Götz tritt für christliche Werte ein, ohne bei ihrer Umsetzung vor Gewalt zurück zu schrecken. Er hat kein Problem sich dem Gesetz – bei Goethe dem Kaiser – zu unterwerfen. Er erträgt es nur nicht, dass sich einige wenige auf Kosten aller bereichern. Götz fordert das Recht, auf seinem Grund und Boden frei agieren und seine Bauern beschützen zu dürfen. Im Endeffekt will er eine autonome Kommune, die rechtlich dem Kaiser unterstellt ist, aber keine Abgaben an Fürsten errichten muss, die sich – vergleichbar der Rettung des Finanzsektors durch die Steuern aller – nur daran bereichern. Götz fordert ein Leben, das mit dem auskommt, was man zum Leben braucht und stellt damit auch die Frage nach dem, was uns eigentlich glücklich macht. Er fordert eine Entschleunigung zum Wohle aller. Herrlich! Eigentlich ein Spießer, der um seinen Garten samt Zaun kämpft. Also jemand der aus komplett konservativen Gründen zum Revolutionär wird. Wahrscheinlich ist es die Mischung aus Idealismus und Größenwahn, die Götz so sympathisch macht. Er changiert zwischen Bauer, Kriegsheld, Philosoph, Revolutionsführer und Kind. Jede Seite hat ihre vollkommene Berechtigung.
A H Götz‘ Gegenspielerin ist Adelhaid von Walldorf. Goethe schreibt in Dichtung und Wahrheit, dass er sich in der Urfassung selbst in die Figur
der Adelhaid verliebt hatte. Ein weiterer Grund für den Urgötz, in dem sie eine dem Götz ebenbürtige Gegenspielerin ist. Welche Rolle spielt sie in deiner Inszenierung?
S S Sie ist die moderne Frau, die sich gegen Ausbeutung hinter dem heimischen Herd und für die Selbstverwirklichung entscheidet. Frei nach
dem Motto: nur wer sich selber glücklich machen kann, kann das auch mit anderen tun. Ihre Ansprüche und Vorstellungen von Glück sind eng an finanzielle Flexibilität, Unabhängigkeit und gesellschaftlichen Einfluss gekoppelt. Sie ist getrieben von einer Vorstellung des perfekten Glückes und bereit dafür alles zu opfern. Allerdings verwechselt sie Glück mit Macht und Konsum.
A H Goethe geht in die Zeit der Bauernkriege des Spätmittelalters zurück um eine Diagnose seiner Zeit zu erstellen. Was sind denn die Bauernkriege von heute?
S S Es gibt ein weites Feld an heutigen Konflikten, die sich auf ähnliche Strukturen zurückführen lassen, wie sie dem Ausbruch der Bauernkriege zu Grunde lagen. Jedes ausgebeutete Volk befindet sich in einer vergleichbaren Situation wie die Bauern des 16. Jahrhunderts. Die somalischen Piraten zum Beispiel: Den Fischern werden seit Jahren ihre angestammten Fischgründe vor ihrer Küste von großen internationalen Fischkuttern abgefischt. Damit wird ihnen jede Lebensgrundlage genommen. Auch wenn das keinen Mord rechtfertigt, scheint ihre Konsequenz mehr als logisch, eben genau diese Schiffe zu attackieren und sich den Fisch in anderer Form zurückzuholen. Dass der eine Diebstahl legal ist und der andere illegal, zeigt, dass die Macht der Herrschenden und ihre Willkür heute noch mindestens so groß ist, wie zur Zeit Berlichingens. Stellt sich nur die Frage, wann uns die nächsten, diesmal internationalen Bauernkriege bevorstehen. Folgt man der Einschätzung einiger Experten, ist ein Phänomen wie die Bauernaufstände auch gar kein unwahrscheinliches Szenario für Europa, wenn sich die immensen Flüchtlingsströme irgendwann nicht mehr zurückhalten lassen.
A H Für Goethe stellte die Zeit des historischen Götz’ eine „bedeutende Weltepoche dar”, einen „Wendepunkt der Staatengeschichte“, an dem sich Vergangenes und Gegenwärtiges treffen. Auch in deiner Inszenierung treffen sich Gegenwart und Vergangenheit. Du drehst die Zeitachse sogar noch ein Stück weiter in die Zukunft. In was für einer Welt befinden wir uns?
S S In einer postapokalyptischen, kalten Welt, in der es lediglich die Erinnerungen an die alten Zeiten gibt, ähnlich wie wir heute nur vage Vorstellungen vom Mittelalter haben. Unser Bühnenbild stellt zum einen ein mögliches naturalistisches Szenario dar: eine Welt, in der das Ökosystem durch die exzessive Verschwendung von Bodenschätzen auf dem Weg zum totalen Wirtschaftswachstum umgekippt ist, der Himmel verdunkelt und dadurch die Temperatur auf der Erde drastisch gesunken ist. Zugleich ist die Bühne ein Bild für den Anstieg der sozialen Kälte bis hin zu einer Art Eiszeit. Indem wir versuchen Emotionen, Schwächen, menschliche Fehler und Besonderheiten aus unserem Alltag, der in erster Linie durch den Beruf bestimmt wird, zu verbannen, entmenschlicht sich unsere Gesellschaft zunehmend. Unser Bildungsapparat ist nicht darauf ausgelegt aus jungen Menschen möglichst aufgeschlossene, individuell denkende, weltoffene Persönlichkeiten zu machen, sondern artig funktionierende ökonomisch verwertbare Konsumenten.
A H Welche Rolle spielt Energie in dieser postapokalyptischen Welt?
S S In einer solchen Welt wird ein Hochspannungsmast als Zugang zu Energie, Wärme und Licht zu einem Ort besonderer Aufmerksamkeit. Wer die Macht über die lebenspendende Energie hat, kann die anderen kontrollieren. Wir befinden uns heute schon in einem System, das einen Großteil der Gesellschaft zum Spielball von Energiekonzernen macht. Da liegt der Vergleich zum Verhalten der Fürsten zu Götz’ Zeit, die ihre barocken Prunkschlösser durch erhöhte Abgaben ihrer Untergebenen finanziert haben, gar nicht so fern. Wenn nun aber jemand wie Götz erkennt, dass die Fürsten durch „Teuerung den armen Landmann an der Quelle des Überflusses verschmachten lässt” und – ähnlich einer Shell-Pipeline im komplett zerstörten Niger-Delta –, diesen Strommast anzapft, um autark mit seinem Volk auf seinem eigenen Land leben zu können, untergräbt er das fürstliche Machtgefüge. Götz besetzt die einzige Energiequelle und verschenkt
diesen Strom: Licht zur Aufklärung und Wärme an sein Volk. Was ihn natürlich für die fürstlichen Energieriesen zum Staatsfeind Nr. 1 werden lässt.

Mehr über die Inszenierung von Simon Solberg, Vorstellungstermine und Karten erhalten Sie hier

Das Schauspiel Stuttgart zeigt unter der Leitung von Armin Petras zeitgenössisches Theater im Kleinen Haus am Schloßgarten. Den Spielplan des Theaters und des Kammertheaters bestimmen, neben einem spielfreudigen Ensemble und modernen Interpretationen klassischer Dramatik, ein Austausch verschiedenster Kunstformen und eine Auseinandersetzung mit der Stadt und der Region Stuttgart sowie die Zusammenarbeit mit bekannten Regisseuren. Die Spielstätte Nord ist eine Plattform für neue Texte, Autoren und Formate.

0 Kommentare zu “Don Quijote, Philosoph und Revolutionär

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: