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Eine Reise wegwohin

Aus dem Journal September/Oktober/November 2013:

                                                                                                                             

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Spector Bureau aus Leipzig hat das grafische Erscheinungsbild des  Schauspiel Stuttgart für die Intendanz von Armin Petras entwickelt. Ein Erscheinungsbild kann man präsentieren, aber kann man es auch erzählen? Spector Bureau bediente sich dafür eines V-Effekts, erfand drei Personen, die sich fortgesetzt unterhalten und dabei die unterschiedlichsten Ideen und Haltungen ausprobieren. Das grafische Erscheinungsbild als Dialog im ICE – eine Selbstbeobachtung.

Situation: ICE-Großraumabteil. Vor dem Fenster das Saaletal zwischen Naumburg und Weißenfels. Um den Tisch drei Personen; eine Gestalterin, zwei Gestalter. Sie lädt Fotos von der Kamera auf ihren Laptop, die beiden schauen aus dem Fenster oder lesen. Flüchtige Aufmerksamkeit. Vier Stunden
Zugfahrt liegen bereits hinter ihnen.

Jelka: [dreht ihren Laptop so, dass auch die beiden anderen auf den Monitor sehen können]: Schaut mal – die Bilder aus dem Naturkundemuseum. Die sind ganz gut geworden, oder?
Ole: Das schwarze Farnblatt im hellen Stein ist schön. Wie alt dieses Blatt wohl sein mag?
Lucian: Vielleicht 500 Millionen Jahre, vielleicht 400 Millionen. Unvorstellbar alt auf jeden Fall.
Ole: Versteinertes Leben.
Lucian: Sieht toll aus. Aber klick mal weiter.
Jelka: [klickt weiter] Diese Dioramen fand ich sehr schön. Wie kleine Bühnen –
Lucian: – das ist das große Naturtheater.
Ole: [Jelka klickt weiter] Ahh, den Mammut hast Du auch fotografiert, toll. Schick mir das Bild für Florian.
Jelka: – aber erst von zu Hause aus. Hier im Zug ist das Netz zu schwach. [klickt weiter] Das obere Keuper – den Saal mochte ich am meisten. Ich habe gelesen, dass vor 200 Millionen Jahren ganze Teile von Süddeutschland im Meer lagen.
Ole: [klickt weiter] Das hier ist wohl der Rest eines Haifischs. [klickt weiter]
Lucian: Nein, das sind Knochenfische.
Jelka: [klickt weiter, lacht] Und hier: fossiler Kot. [klickt weiter]
Ole: Die Fotos von den Sauriern brauche ich auch. Die werde ich Florian ausdrucken.
Lucian: Gestern Nacht im Hotel habe ich noch eine BBC Sendung gesehen. Da wurde erzählt, dass Menschen erst seit knapp 200 Jahren überhaupt eine Idee davon haben, dass es irgendwann einmal Saurier auf der Erde gegeben hat. Die Paläontologie als Wissenschaft setzte Anfang des 19. Jahrhunderts ein. Bis dahin wurden all diese urzeitlichen Funde unter der Bezeichung »alte Knochen« subsummiert. Der Saurier als naturwissenschaftliche Vorstellung ist ein Produkt des vorletzten Jahrhunderts.
Jelka: Du willst sagen, Shakespeare kannte keine Saurier?
Lucian: Ja – wahrscheinlich wusste nicht einmal der »Bergbauminister« Goethe, der sich ja auch in die verschiedensten naturwissenschaftlichen Spekulationen vertiefte, dass diese »alten Knochen« wenn man sie zusammenfügt, die Spur einer fernen Erdepoche freilegen.
Jelka: Meinst Du wirklich? – Warte, ich google mal. [dreht ihren Laptop zu sich und tippt etwas ein] – Nein, da kommt wirklich überhaupt nichts Brauchbares, wenn ich hier »Goethe« und »Saurier« eingebe. Nichts, was einen konkreten Hinweis darauf geben würde, dass Goethe bereits eine präzise Idee von diesen ausgestorbenen Riesenechsen hatte.
Ole: Verrückt … und heute weiß jedes Kind, kaum dass es laufen kann, was ein Saurier ist. Florian kennt die Namen der verschiedenen Saurierarten.  Weiß, welche von ihnen Pflanzenfresser sind und welche angriffslustige Fleischfresser. Diese unförmigen Kolosse sind tief in der Phantasie unseres Jungen verankert. Das halbe Kinderzimmer steht voll von Dinos.

 

Lucian: Die Dino-Begeisterung ernährt heute ganze Industrien: Filme werden produziert, Kinderspielzeug, Freizeitparks. Der Dino ist fester Bestandteil der globalen Popkultur. – Komisch, auf der Theaterbühne findet man trotzdem eher Drachen, aber kaum Saurier.
Jelka: Vielleicht, weil das Theater einen anderen Zugriff auf die Vergangenheit hat. Die Evolution ist wohl eher film- als bühnentauglich. Wenn im Theater etwas ausgegraben wird, dann sind es immer noch »alte Knochen«.
Ole: »Ach, armer Yorick.« [Alle lachen. Ole greift in seine Tasche. Sein Telefon klingelt.]
Ole: Hey Paolo … Wir sind noch im Zug … Ja, durch Naumburg sind wir schon durch, dauert vielleicht noch eine halbe Stunde … Ja, bisschen müde von der langen Fahrt. Aber war gut, dass wir uns mal drei Tage Zeit genommen haben. Alles lässt sich doch nicht vom Schreibtisch aus denken. Irgendwie braucht man ein Gefühl für die Stadt, was da so geht. Wir haben alle viel fotografiert. Wir waren gestern auch im Naturkundemuseum, das ist ganz schön in Stuttgart … Ich habe mir auch die Zeppelinstraße angeschaut. Du weißt, das Haus von Friedrich Wolf. Sieht aber völlig anders aus als auf den Abbildungen aus den zwanziger Jahren … Ja, der Württembergische Kunstverein hatte eine sehr schöne Ausstellung, ich habe den Katalog für dich dabei … Gestern hatten wir ein ganz gutes Gespräch. Es gab einen Satz, der für uns gerade so etwas wie ein Kompass wird. Armin sagte, was er in Stuttgart machen will, soll »maximal historisch, maximal modern« sein. … Ja, wir versuchen gerade herauszufinden, was »maximal historisch« bedeuten könnte. Wo setzt man an, bei der Geschichte einer Landschaft, bei der Geschichte der Gattung, bei der Naturgeschichte? Deshalb waren wir gestern dann auch noch mal im Naturkundemuseum. Leider waren wir etwas spät dran, wir hatten nur eine halbe Stunde, dann wurde geschlossen. Sind durch die Säle gerannt und haben viel fotografiert … Heute Vormittag haben wir uns das Theater ansehen können.

„Alle Zeiten sind gleichzeitig da,
nebeneinander.
Das ist im Theater möglich.“

Der Bau ist aus den sechziger Jahren, der Zuschauerraum ist gerade völlig umgebaut worden. Die Wände haben so unregelmäßig kristalline Formen. Mich hat es etwas an Hans Poelzigs Großes Schauspielhaus in Berlin von 1918 erinnert. Du weißt, diese expressionistische Tropfsteinhöhle … Ja, vielleicht lässt sich mit diesem Höhlenmotiv weiterarbeiten. Weißt du, wie in Werner Herzogs Film »Die Höhle der vergessenen Träume« …
Ja, das Theater als Höhle … In dem Film erzählte einer der Archäologen, dass diese Wandbemalungen eingebunden waren in Tanzrituale. Das heißt doch, dass diese Höhlen die frühesten Spuren für das sind, was wir heute Theater nennen, oder nicht? … Ja, ein gestalteter Innenraum, in dem die Konflikte einer gefahrvollen und oft unverständlich bleibenden Außenwelt in Gemeinschaft nachgespielt und verarbeitet werden … Nein, wenn du dich von dieser Fortschrittsidee des 19. Jahrhunderts löst, nicht. Ich würde sagen: Alle Zeiten sind gleichzeitig da, nebeneinander. Das ist im Theater möglich, stelle ich mir zumindest so vor … Ja, wenn du dir den Spielplan anschaust, dann stehen da ja alle Zeiten nebeneinander. Urgötz, das ist eine Geschichte aus dem späten 15. Jahrhundert aus der Perspektive des 18. Jahrhunderts erzählt; Onkel Wanja ist spätes 19. Jahrhundert, Der Reigen frühes 20. Jahrhundert … Das kalte Herz – 19. Jahrhundert … Fahrerflucht von Alfred Andersch spielt in den fünfziger Jahren, Wirtschaftswunder, Nachkriegsjahre. … Dann die sechziger und siebziger Jahre: Vespers Die Reise, Godards Week-End, Bergmans Szenen einer Ehe, Hirnbonbon nach Dieter Roth … Bei Schulden. Die ersten 5 000 Jahre ist es sogar ein riesiger Zeitraum, fünftausend Jahre, der da bearbeitet wird. Warum sollten wir da nicht noch ein Stück weiter zurückgehen … Ja, bis zu den Höhlen von Lascaux und Chauvet … Oder bis zum Faustkeil. Schließlich ist das eines der frühesten Werkzeuge zur Bearbeitung der menschlichen Umwelt … Und darum geht es doch im Theater fortwährend: die Dinge zerlegen, sie bearbeiten, mit ihnen umgehen lernen … Ich finde, der Faustkeil ist ein paradoxer Gegenstand … Irgendwie beides: Rationalität und Aggression … Ja, das müsste eigentlich heute noch zurück. Aber ich werde zu spät hier ankommen, um das noch selbst zu erledigen.
Vielleicht kannst du in der Bibliothek anrufen, meine Benutzerkarte liegt auf dem Kühlschrank: ja, die Konrad Wolf-Biografie müsste zurück, außerdem der Penck, die drei Bense-Bücher, der Baumeister und dann noch der große Rauschenberg und der Soulage. Kannst du das für mich machen?

„Spurensuche meint
eine Aufmerksamkeit für einen
konkreten Ort, und das, was man
an ihm vorfindet.“

 … Ja, ich muss in den nächsten Tagen in die Bibliothek, will einige Bücher zu Steinzeitkunst und Höhlenmalerei heraussuchen. Außerdem gibt es ein Buch von Ivan Nagel über Dannecker … Ja, ich bring noch ein Brot mit … Okay, bis gleich. [Ole legt sein Handy auf den Tisch. Sieht, dass in der Zwischenzeit noch eine SMS gekommen ist, die er schnell beantwortet.]
Jelka: Schaut mal, hier ist gerade eine E-Mail von den Dramaturgen gekommen. Sie haben uns den Link zu einem Buch geschickt. Ein schwäbischer Jugendbuchklassiker, schreiben sie. David Friedrich Weinland »Rulaman. Erzählung aus der Zeit des Höhlenmenschen und des Höhlenbären«. – Hier gibt es auch einen Leserkommentar zu dem Buch: »Da ich am Rande der Schwäbischen Alb groß geworden und bei jedem zweiten Schulausflug durch die Rulamanhöhle gekrochen bin, war dieses Buch für mich schon als Kind eine Lieblingslektüre, aber auch jetzt, nachdem ich es über dreißig Jahre später noch einmal hervorgeholt und gelesen habe, hat es nichts von seinem damaligen Zauber verloren. Ich halte es immer noch für eines der schönsten Jugendbücher, die ich kenne. Auch meine Kinder, denen ich das Buch aus meiner Heimat wärmstens ans Herz legte, bestätigten, dass es trotz der altmodischen Sprache spannend und absolut lesenswert sei.« – Soll ich versuchen, das mal auf irgendeiner Antiquariatsseite für unseren Handapparat aufzustöbern?

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Ole: Vielleicht wäre eine Max Bill-Monografie oder ein Buch über die HfG Ulm für unsere Recherche wichtiger als ein Jugendbuch über das Leben in der Steinzeit.
Lucian: Gestern, als wir mit den Dramaturgen über »Spurensuche«  gesprochen haben, kam mir seltsamerweise sofort die Assoziation »Schatzgräber«. Für mich verbindet sich Spurensuche mit der Vorstellung, verschüttete Dinge auszugraben; oder etwas, das in der Erde verborgen ist, frei zu legen. In Schichten denken, die Zeiten liegen übereinander. Auch die Stoffe. Schulden. Die ersten 5000 Jahre liegt über dem Kalten Herz, Week-End über Fahrerflucht.
Ole: Die alten Knochen.
Lucian: Ja, man muss sie nur richtig zusammensetzen.
Jelka: Du meinst, man müsste ähnlich vorgehen, wie die Geschichtslehrerin Gabi Teichert in Alexander Kluges Film »Die Patriotin«, die mit ihrem Spaten loszieht, um die deutsche Geschichte freizulegen? Der erste Satz des Films lautet: »Gabi Teichert, Geschichtslehrerin, Patriotin, d.h. sie nimmt Anteil an allen Toten des Reiches.« – und dann sieht man, wie sie mit dem Spaten loszieht. Alexander Kluge hat hier ein abstraktes Interesse in eine konkrete Handlung übersetzt.
Lucian: Ja, graben könnte man als eine Methode verstehen, als eine Form, sich in die Geschichte hineinzuarbeiten.
Ole: (lacht) Dann wäre der Spaten vielleicht sogar geeigneter für die Eröffnungskampagne als der Faustkeil. Ich hatte gestern überhaupt keine Assoziationen in Richtung Archäologie oder Paläontologie. Spurensuche findet für mich absolut in der Gegenwart statt. Es ist eher eine Umgangsweise mit Raum, die Aufmerksamkeit für einen konkreten Ort und das, was man an ihm vorfindet. Suchen heißt: für unterschiedliche Situationen offen sein. Aber nicht in diesem kriminalistischen Sinne, nicht wie Sherlock Holmes, der sich einmal umschaut, und dann die verstreuten Spuren zusammenträgt, die ihm erzählen wie sich ein vergangenes Ereignis zugetragen hat. Spurensuche ist kein Puzzlespiel. Eher eine Aufmerksamkeit dafür, was alles nebeneinander an einem bestimmten Ort da ist. Bei Ezra Pound gibt es diese Idee des Periplus. Die Küste, wie sie Seefahrer sehen. Die Erfahrung verschiedener Zeiten im Jetzt des fahrenden Schiffes. Alle Einzelentdeckungen werden laufend relativiert, erst in der Umkreisung wird der Ort sichtbar, nicht auf der Landkarte.
Lucian: (lacht) In der Tat – Ezra Pound war ein Meister darin, »die alten Knochen« aufs Neue zusammenzusetzen.
Ole: Ja, aber gestern in unserem Gespräch hieß es es ja auch »maximal historisch, maximal modern«. Pounds »Cantos« wären ein gutes Studienobjekt dafür, wie sich eine solche paradoxe Forderung einlösen ließe. »Maximal historisch, maximal modern« ist das Motto einer forcierten Produktivität.
Alles wird für Pound zur Ressource, zu einem Teil dessen, was noch zu bearbeiten ist. In den letzten Tagen in Stuttgart hatte ich das Gefühl, dass ein solcher ästhetischer Ansatz sehr gut in diese Stadt passt. Es ist eine der wirtschaftlich produktivsten Regionen Europas. Wenn man durch die Stadt läuft, wird klar, wie hochverdichtet Wirklichkeit hier ist. [kramt in seiner Tasche ein Buch vor, blättert darin und liest] – Hier diese Brinkmann-Passage trifft vielleicht ganz gut, was ich meine: »Die Geschichtenerzähler machen weiter, die Autoindustrie macht weiter, die Arbeiter machen weiter, die Regierungen machen weiter, die Rock ’n’ Roll-Sänger machen weiter, die Preise machen weiter, Tag und Nacht machen weiter, der Mond geht auf, die Sonne geht auf, die Augen gehen auf, Türen gehen auf, der Mund geht auf, man spricht, man macht Zeichen, Zeichen an den Häuserwänden, Zeichen auf der Straße, Zeichen in den Maschinen, die bewegt werden, Bewegungen in den Zimmern, durch eine Wohnung, wenn niemand außer einem selbst da ist, Wind weht altes Zeitungspapier über einen leeren grauen Parkplatz, wilde Gebüsche und Gras wachsen in den liegengelassenen Trümmergrundstücken, mitten in der Innenstadt, ein Bauzaun ist blau angestrichen, an den blauen Bauzaun ist ein Schild genagelt, Plakate ankleben Verboten, die Plakate, Bauzäune und  Verbote machen weiter, die Fahrstühle machen weiter, die Häuserwände machen weiter, die Innenstädte machen weiter, die Vorstädte machen weiter.«

Spurensuche heißt in diesem Zusammenhang, den flüchtigen Moment der Sichtbarkeit und Lesbarkeit nutzen zu lernen. Denn in einem Raum forcierter Produktivität, in einem Raum, in dem fortwährend von allen Seiten aus hineinproduziert wird, ändert sich die Positionierung aller Elemente zueinander permanent. Alles folgt seiner eigenen Dynamik, und machtweiter – die Plakate, die Bauzäune, die Verbote. Der Crash ist der Normalfall; die Karambolage der Zeiten genauso wie der Zusammenprall der Autos. Das Einzige, was unveränderlich erscheint, sind jene dichten Oberflächen, durch die die Dinge gleichzeitig »maximal historisch und maximal modern« erscheinen – voller Referenzen und Verweise und trotzdem neuartig.

[Jelkas Handy geht. Der Klingelton, die ersten Takte der Gitarre aus Elvis’ »In the Ghetto« ist nicht sonderlich laut, trotzdem erzeugt die Melodie eine gewisse Dringlichkeit. Ole und Lucian schauen auf Jelka.]

Jelka: Na, Hallo. Super, dass Du zurückrufst … Ich könnte in den nächsten Tagen Deine Hilfe gebrauchen … Ja, malen … Nein, für das grafische Erscheinungsbild, das wir für das Schauspiel Stuttgart entwickeln. Wir wollen da sehr stark mit gestischen Elementen arbeiten … Nein, wir wollen selbst eine große Zahl von Gesten produzieren, aber es wäre gut, noch andere in die Produktion mit einzubeziehen, schließlich ist man irgendwo auch limitiert und wiederholt sich … Wir wollen, verschiedene Texturen und Materialien  ausprobieren, um die Ausdruckskraft der Geste, ihre Rauheit, Beiläufigkeit und Expressivität besser zu verstehen … Ja, deshalb frage ich ja dich … Nein, das bekommst du schon hin … Wir verstehen diese gestischen Elemente als die Spur einer körperlichen Bewegung, oder auch als körperliche Bearbeitung einer Oberfläche … Ja, das hat sehr stark mit dem Theater zu tun. Ausdruck entsteht im Theater aus verbalen und kinetischen Zeichen, aus Sprache und Gesten … Klar, diese gestisch-zeichnerischen Elemente passen sehr gut zur Theaterarbeit von Armin Petras … Ja, wir haben uns einige Aufführungen jetzt angesehen. Im Oktober waren wir auch auf den Proben für Bahnwärter Thiel. Peter Kurth war großartig … Klar, du weißt doch, wenn ich anrufe, muss es meistens gleich sein … Ja, wir müssen weiterkommen, Ende nächster Woche ist schon die Präsentation … Am besten schwarz … Probiere mal beides: dickflüssig, dünnflüssig. Und auch verschiedene Werkzeuge … Was weiß ich. Dicke Pinsel, Schwämme, Stofftücher. Was Du hast … Das, was brauchbar ist, würde ich dann einscannen … Nein, so gestempelte Sachen sind nicht so interessant, das ist zu mechanisch …

„Die gestischen Elemente als Spur
einer körperlichen Bewegung
haben sehr viel mit Theater zu tun.“

Also ich muss morgen noch eine Sache für die Druckerei fertigmachen, aber mittags muss das raus sein. Wir könnten uns zum Essen verabreden … wenn du willst, auch im Mono … Machmal ist es ganz okay, letzte Woche war es aber wieder einmal unterirdisch … Okay, das ist besser … Ja, ich bringe deine DVDs mit … Okay, bis morgen … Ciao. [Jelka steckt ihr Handy ein. Zu den anderen] Andrzej ist dabei. [Lucian legt die Kopien beiseite, in denen er, während Jelka telefonierte, gelesen hat.]
Lucian: Es fällt auf, wie viele Stücke, die in der nächsten Spielzeit geplant sind, sich auf Stoffe beziehen, die direkt mit Stuttgart und der Region zu tun haben. Ur-Götz, Die Reise, Fahrerflucht, Das kalte Herz, Unterm Rad, Am Schwarzen Berg. Eine Spurensuche im Raum, in der Landschaft, im Imaginären dieser Landschaft. So, als sollte das Theater noch einmal in diesem konkreten Imaginären vor Ort verankert werden.
Ole: Warum verankert? Ähnelt das Theater nicht vielmehr Ezra Pounds Schiff, von dem aus die Küste anders betrachtet werden kann als vom Land aus?
Lucian: Du meinst, nicht »Die Küste, wie sie die Seefahrer sehen« sondern »Stuttgart, wie es die Theatermacher sehen« –
Ole: Ja, die Theaterarbeit als ein Umkreisen, eine Bewegung, durch die der Ort auf eine spezische Weise erfasst werden kann, seine Schichten und Geschichten, die »alten Knochen«, die zusammengesetzt das Imaginäre eines bestimmten Raums ergeben.

Jelka: Wenn es stimmt, dass die steinzeitlichen Höhlen ein erstes Modell eines sozialen Raumes waren, in dem das Imaginäre produziert und bearbeitet werden konnte, dann bedeutet das auch, diese Höhlen existieren nur, wenn wir sie herstellen, wenn wir einen Raum definieren, in dem wir die Dinge von Außen hineintragen, um sie zu bearbeiten. Diese vielen Stuttgart-Stoffe sind im Prinzip ein Akt des Hineintragens.
Jelka: Ich mochte diese Idee des Periplus, von der du erzählt hast. Dieses Verständnis von Raum, von Bewegung im Raum. Warum soll eine Landschaft weniger dramatisch sein als ein Ereignis?
Ole: Ja, vielleicht müsste unser Erscheinungsbild auch dieser Logik folgen. Was würde es konkret bedeuteten, die visuelle Identität einer Institution zu verräumlichen?

[Über Lautsprecheransage wird die Ankunft in Leipzig angekündigt. Jelka, Ole und Lucian packen ihre Sachen zusammen und gehen in Richtung Waggontür. Am hinteren Ende des Ganges stauen sich bereits die Reisenden. Im Stehen.]

Ole: Ein Erscheinungsbild ist keine Geschichte, die man von links nach rechts, von Anfang bis zum Ende anschaut, sondern etwas, was man immer als Ganzes im Blick hat. Die meisten Erscheinungsbilder basieren auf dem Prinzip der Reduktion. Wie wäre es, einmal den entgegengesetzten Weg zu gehen, und ein Erscheinungsbild zu entwickeln, das auf dem Prinzip der Kombination und dem fortgesetzten Durchspielen unterschiedlicher Relationen beruht? So, wie das Festland zwar auch immer dasselbe bleibt, für die Seefahrer sich aber immer wieder neue Perspektiven auf das Festland ergeben, sich das Festland für sie immer wieder unterschiedlich zusammensetzt.
Lucian [während der Zug inzwischen gehalten hat, und die Türen öffnen]: Du meinst, eine visuelle Identität als Landschaft?
Ole: Ja, ähnlich wie Gertrude Stein in den zwanziger Jahren die Idee des »Landscape Plays« formulierte. Ihre Intention war, Bühnengeschehen als eine Art Landschaft zu denken, als räumliche Beziehung zwischen einzelnen Elementen. Das bedeutete für sie, dass die Figur auf der Bühne – oder das, was als ihre Identität erscheint – nicht als ein fester Punkt zu begreifen war, sondern als etwas, das der Betrachter erst zusammensetzte.
Gertrude Stein hoffte, so etwas beschreiben zu können, das durch Fabulieren allein nicht erfassbar ist. Identität ist für sie nicht in der dramatischen Figur beheimatet, sondern im Publikum. Man hat Identität, wenn man das Publikum hat.

Jelka: Vielleicht sollten wir Gertrude Steins poetisches Konzept, ihren Umgang mit Wiederholung und Variation einmal vor dem Hintergrund von der Funktionsweise eines Erscheinungsbildes durchspielen.
Ole: Du meinst »I am I because my little dog knows me«? – Aber ich muss los.
Lucian: Na denn. I hope your little boy knows you. Bis morgen – Los, Teigfaust !!!

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Das Schauspiel Stuttgart zeigt unter der Leitung von Armin Petras zeitgenössisches Theater im Kleinen Haus am Schloßgarten. Den Spielplan des Theaters und des Kammertheaters bestimmen, neben einem spielfreudigen Ensemble und modernen Interpretationen klassischer Dramatik, ein Austausch verschiedenster Kunstformen und eine Auseinandersetzung mit der Stadt und der Region Stuttgart sowie die Zusammenarbeit mit bekannten Regisseuren. Die Spielstätte Nord ist eine Plattform für neue Texte, Autoren und Formate.

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