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Stuttgart, Blicke

1. Die meisten Schauspielerinnen und Schauspieler, Regisseurinnen und Regisseure und viele Mitglieder des Teams, die jetzt in Stuttgart ihre Arbeit beginnen, kommen neu in diese Stadt. Wir alle kommen an und schauen uns um. Ein neuer Ort lädt dazu ein. Einen neuen, frischen Blick auf etwas werfen zu können, ist eine seltene Chance, die wir ergreifen wollen – aufmerksam, unverstellt, offen und neugierig.

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2. Da ist zum Beispiel die Rede zur Eröffnung des Stuttgarter Literaturhauses, die der Schriftsteller W. G. Sebald, drei Wochen vor seinem Tod, am 17.  November 2001 vor 800 Gästen in der Alten Reithalle gehalten hat: „Zerstreute Reminiszenzen. Gedanken zur Eröffnung eines Stuttgarter Hauses“. In seinem Elternhaus im Allgäuer Wertach, so beginnt Sebald, lag in der Vorweihnachtszeit des Jahres 1949 der neue Quelle-Katalog auf dem Tisch, aus dem für seine Schwester und ihn neben Kamelhaarhausschuhen ein so genanntes Städtequartett bestellt wurde. Sebald stieß darin – die deutschen Städte waren ausnahmslos unversehrt dargestellt – auch auf die Spielkarte von Stuttgart, die den von Paul Bonatz vor dem Ersten Weltkrieg entworfenen Hauptbahnhof abbildete. Das war Sebalds erste Begegnung mit dieser Stadt. Ein Gedankensprung führt Sebald zu einer Ansichtskarte eines englischen Schulmädchens namens Betty, die ihm in den 1960er Jahren aus einem Brockhaus der Heilsarmee in Manchester in die Hände fiel – Betty verbrachte die Sommerferien 1939 in Stuttgart und schrieb am 10. August 1939, knapp drei Wochen vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, über die freundlichen Stuttgarter, das Sonnenbaden, Sightseeing, eine deutsche Geburtstagsfeier und „a festival of the Hitler Youth“. Auch auf dieser Karte war – neben drei anderen „Hochbauten“ – der Stuttgarter Hauptbahnhof abgebildet. Erst im Mai 1976 sieht Sebald zum ersten Mal leibhaftig den Bonatz-Bahnhof; er besucht damals seinen Schulfreund, den Maler Jan Peter Tripp, in der Reinsburgstraße 53 A (wo zur selben Zeit auch der Buchhändler Wendelin Niedlich wohnte). Und Sebald fragt sich, was seinen Besuch in der Reinsburgstraße mit der Tatsache verbindet, dass dort nach dem Krieg ein Lager für Displaced Persons bestand, in dem am 29. März 1946 – wie Zeitungsartikel und der „Tätigkeitsbericht“ der Stadtverwaltung bezeugen – von 180 Stuttgarter Polizisten eine Razzia gegen Schwarzhandel durchgeführt wurde, bei der Schüsse fielen und einer der Lagerbewohner ums Leben kam. Er fragt sich auch, warum er jedes Mal an der Station „Feuersee“ in der S-Bahn denke, dass „es über uns noch brennt und dass wir seit der Schreckenszeit der letzten Kriegsjahre in einer Art Untergrund wohnen, obwohl wir doch alles so wunderbar wieder aufgebaut haben ringsherum“. Er fragt, warum er, von Möhringen kommend, beim Anblick der neuen Verwaltungsstadt des Daimlerkonzerns an die „Stuttgarter Sterne“ in den Krisengebieten der ganzen Welt denken muss. Und er fragt sich, „wie weit ist es von dem Punkt, auf dem wir uns heute befinden, bis zurück in das ausgehende 18. Jahrhundert, als die Hoffnung auf die Verbesserung des Menschengeschlechts, auf seine Belehrbarkeit, in schön geschwungenen Lettern noch an unseren philosophischen Himmel geschrieben stand“. Sebald spricht über das damalige Städtchen Stuttgart mit seinen etwa zwanzigtausend Einwohnern, über den Landessohn Friedrich Hölderlin und seine Elegie auf die Stadt, „Fürstin der Heimat ! Glückliches Stuttgart, nimm freundlich den Fremdling mir auf ! “, die hereinbrechende Französische Revolution, Hölderlins Fuß reisen im Rhöngebirge, im Harz, auf den Knochenberg, nach Halle, Leipzig, Frankfurt, Fulda, Kassel und zurück nach Nürtingen und Stuttgart, bald darauf in die Schweiz, dann über Colmar, Isenheim, Belfort und Lyon nach Bordeaux, „doch sechs Monate später ist er, erschöpft, verstört, mit flackerndem Auge und wie ein Bettler gekleidet wieder in Stuttgart retour. Nimm freundlich den Fremdling mir auf.“ In einem Brief, so Sebald weiter, wies ihn vor einiger Zeit eine Bewohnerin der über sieben Hügel erbauten französischen Stadt Tulle auf die Zusammenhänge zwischen der ehemaligen Residenz- und späteren Industriestadt Stuttgart und eben Tulle hin, durch die Hölderlin auf seiner
Wanderung nach Bordeaux gekommen ist und wo am 9. Juni 1944 von der SS-Division „Das Reich“ alle männlichen Bewohner der Stadt auf dem Areal einer Waffenfabrik zusammengetrieben, neunundneunzig von ihnen an Straßenlaternen und Balkongeländern aufgehängt und die übrigen in Zwangs- und Vernichtungslager deportiert wurden – drei Wochen nachdem Sebald das
Licht der Welt erblickte, „und fast auf den Tag genau einhundert und ein Jahre nach Hölderlins Tod“.

3. W. G. Sebald vernetzt in seiner Rede, ausgehend von seinen persönlichen Erlebnissen, anscheinend weit auseinander liegen – de Dinge, er verknüpft unterschiedliche Blicke verschiedener Zeiten auf die Stadt Stuttgart. Ich kannte Sebalds Rede, hatte sie aber vergessen. Ich las sie wieder, nachdem Florian Höllerer, der Leiter des Literaturhauses, sie mir in der wunderschönen, von ihm herausgegebenen Ausgabe nach unserem ersten Gespräch schenkte – las sie mit anderen Augen, da zu diesem Zeitpunkt klar war, dass ich in Stuttgart arbeiten werde.

4. In der kommenden Spielzeit gehen wir auf Spurensuche, in der Stadt und der Region. Maximal historisch, maximal modern. Nach verborgenen Spuren suchen, graben nach Verschüttetem, Zeitschichten freilegen, die übereinander liegen.

5. In seinem Gedicht „Vom Graben“ entwickelt der irische Dichter Seamus Heaney seine Poetik. Ein Geräusch unter dem Fenster – „als ob ein Spaten in kieseligen Boden dringt“ – erweckt die Erinnerung an den Vater, wie er vor zwanzig Jahren zwischen Kartoffelfurchen gegraben hat. Und weiter die  Erinnerung an den Großvater, den Torfstecher. „Der kalte Duft von
Kartoffelhumus, das Glucksen und Klatschen / Von sumpfigem Torf, ein Spatenblatt mit seinen kurzen Schlägen / Durch lebendige Wurzeln, das mag in meinem Kopf erwachen, / Doch um ein Mann zu werden, wie sie waren, hab ich keinen Spaten. / Zwischen Finger und Daumen / Halte ich die stämmige Feder. / Damit werde ich graben.“

6. Das neue Erscheinungsbild des Schauspiel Stuttgart, das wir zusammen mit Spector Bureau aus Leipzig entwickelt haben, greift diese Gedanken auf. Aber bis in welche zeitlichen Resonanzräume wollen wir gehen? Welche Zeiträume für unsere Wahrnehmung der Gegenwart und Zukunft öffnen? Einen Faustkeil
sehen Sie, vielleicht fühlen Sie sich an Höhlenmalerei erinnert. Kulturelle Zeichen aus unterschiedlichsten Epochen werden collagiert mit zeichnerischen, gestischen Spuren. Eine unmittelbare Körperlichkeit kommt so zum Ausdruck, ein körperlicher Ausdruck, der auch das Wesen des Theaters ausmacht.
7. Ezra Pound entwickelt in seinen „Cantos“, diesem einzigartigen Dialog mit der Geschichte, die Idee des periplus, den Blick auf die Küsten vom fahrenden Schiff aus, die Erfahrung verschiedener Zeiträume der Vergangenheit im Jetzt des fahrenden Schiffs. Unter den Trümmern der offiziellen Tradition sind alle Zeiten neben- und übereinander im Augenblick des jetzigen Erlebens da und können Bestandteile einer neuen Möglichkeit, einer neuen Gesellschaft, eines neuen Mythos werden.
8. Wohin hat uns unser Blick für die erste Spielzeit hier in Stuttgart geführt? Quer durch die Zeiten in die Stadt und die Region. Wir sind auf das Spätmittelalter des revolutionären schwäbischen Reichsritters in Goethes Urgötz gestoßen, diese, wie Goethe sagt, „Gestalt eines rohen, wohlmeinenden Selbsthelfers in anarchischer Zeit“, und fragen, was die Bauernkriege von heute sind. Wir beschäftigen uns mit Bernward Vesper,
der auf der Spurensuche seiner eigenen Geschichte verbrannte, und seinem Roman Die Reise, diesen „Nachlass einer ganzen Generation“, der zeigt wie das revolutionäre Potential verpuffte als die Mobilisierung der Massen ausblieb. In der Erzählung Das kalte Herz des Stuttgarter Autors Wilhelm Hauff sehen wir die verzweifelte Suche nach Anerkennung, Reichtum und Glück
und den Tod des Herzens, seine Ersetzung durch Geld. Weiter ins Zentrum der Romantik dringen wir mit dem spartenübergreifenden Musiktheaterabend Doppelgänger vor, der ausgehend von diesem romantischen Motiv auf die Suche nach dem Verdrängten und Unheimlichen unserer eigenen Zeit geht. Alfred Anderschs Hörspielklassiker Fahrerflucht am Zubringer Stuttgart Nord aus den 1960er Jahren wird konfrontiert mit der Weiterschreibung ins Heute durch den Baden-Badener Dramatiker Philipp Löhle – Schuld und Moral, in der Nachkriegsgesellschaft und heute. Hermann Hesses Erzählung Unterm Rad über das Schicksal des begabten Kindes Hans Giebenrath führt uns
mentalitätsgeschichtlich in die Region um 1900 und stellt die bis heute akute Frage nach den Konsequenzen des forcierten Leistungsdrucks. Und Anna Katharina Hahns Am Schwarzen Berg ist eine Bestandsaufnahme deutscher Seele, mitten in Stuttgart, zwischen Mörike und Bahnhofsbaustelle.

9. Das Thema „Neue Bürgerlichkeit“ in der Wirtschaftsmetropole Stuttgart bildet einen weiteren Strang durch den Spielplan. In Onkel Wanja zeigt Tschechow eine Gesellschaft im Umbruch und lenkt unseren Blick auf das Leben, die Liebe, den Tod, die Zeit, das Geld – und konfrontiert uns mit frühen ökologischen Überlegungen. Ingmar Bergmans Filmklassiker Szenen einer Ehe spiegelt im Psychogramm des Musterpaares Johan und Marianne Fragen des glücklichen Zusammenlebens in ihren Etappen des Zerfalls und ihrer Neuordnung. Arthur Schnitzler zeigt in seinem Reigen die „unerbittliche Mechanik des Beischlafs“ und fragt, wie sich Rollenspiel und Sexualität zu einander verhalten. In Das Fest von Thomas Vinterberg und Mogens Rukov erschüttert der älteste Sohn Christian die Grundfesten der Familie, in dem er ein Tabu bricht und ein streng gehütetes Geheimnis lüftet. Die Dreigroschenoper von Bertolt Brecht ist eine kritische Reflexion des kapitalistischen Weltgeschehens und seiner Profitgier, nicht nur zu Zeiten der Weimarer Republik. In der Spiegelung der beiden Novellen Die Marquise von O. und Drachenblut von Heinrich von Kleist und Christoph Hein er blicken wir zwei Frauen zwischen Selbstbehauptung und Selbstverleugnung. In Liebe Kannibalen Godard nach dem Film Weekend gerät die gepflegte Fahrt ins Wochenende zum barbarischen Alptraum, zur Apokalypse der bürgerlichen Welt. Schulden. Die ersten 5.000 Jahre von David Graeber zeichnet die wechselvolle Geschichte aus Überschuldung und Empörung und bricht
radikal mit der Scheinmoral des Börsenkapitalismus. Entlang der Gräuelbilder heutiger Kriege und mit der Wucht einer antiken Tragödie zeigt Sarah Kane in Zerbombt Stellvertreter einer um Gewalt kreisenden Gesellschaft. Aus Schmerz über den sinnlosen Tod seiner Geliebten wird Camus’ Caligula zum Gewalttäter – wie in einem Experiment prüft er die Duldungsbereitschaft
seiner Untertanen, bevor sie sich erheben. Um die Manipulierbarkeit
des Menschen, auch die politische, geht es in Thomas Manns Mario und der Zauberer – wie frei ist unser Wille? Und: Gibt es das überhaupt –  Willensfreiheit?


10. Die Kunststadt Stuttgart wollen wir mit zwei Projekten sondieren: Die spartenübergreifende Fluxus-Konzertinstallation Denn sie wissen nicht was wir tun in Zusammenarbeit mit der Staatsgalerie befragt die historisch gewordene Avantgarde- Bewegung nach anwendbaren Strategien des Widerstands für heute. Das Projekt Hirnbonbon in Zusammenarbeit mit dem Kunstmuseum und der Akademie für Darstellende Kunst Baden- Württemberg beschäftigt sich mit der Poesie des Zerfalls im Werk des Künstlers, Autors, Musikers, Performers und Filmemachers Dieter Roth, der zeitweise ein Atelier in Stuttgart hatte.
11. In die Stadt selbst öffnen wir uns mit dem Autostück. Belgrader Hund von Anne Habermehl – das Auto als kleinstmöglicher Zuschauerraum, Stuttgart als reales Bühnenbild für ein intimes Kammerspiel über Heimat und Heimatlosigkeit in dieser Stadt. Und mit dem Stadtprojekt S – City of Youth fragen wir nach der gesellschaftlichen Beteiligung der heranwachsenden
Generation in Stuttgart.
12. Mit dem Performance-Kollektiv She She Pop gehen wir eine mehrjährige Beziehung ein, um auf der Suche nach neuen Formen des Theaters gemeinsam beieinander in die Lehre zu gehen. Den Auftakt bilden die Gastspiele Schubladen und 7 Schwestern, eine Lecture Performance und ein Workshop.
13. Einen Blick von außen werfen wir mit internationalen Projekten im Rahmen der „Union des Théâtres de l’Europe“ (U.T.E.), einer Vereinigung von derzeit 19 Theatern aus 16 Ländern, deren Mitglied das Schauspiel Stuttgart seit dieser Spielzeit ist. Die Uraufführung von Fritz Katers Stück 5 morgen, in dem
fünf Menschen nach einem Katastrophenalarm unterschiedliche Strategien des Lebens und Überlebens entwickeln, ist im Rahmen der U.T.E. Teil des internationalen Projekts „TERRORisms“, in dem sich neben dem Schauspiel Stuttgart Theater aus Oslo, London, Reims, Tel Aviv und Belgrad aus unterschiedlichsten Perspektiven mit diesem Thema auseinandersetzen.
14. „((Die Gegenwart, die jeder wahrnimmt, ist sie nicht wie eine Erzählung von etwas Vergangenem? Wie kann man das verstehen?? Das weiß ich selber nicht ! ! )) //: Das alte Labyrinth-Empfinden, ja, weiter, hier.“, schreibt Rolf  Dieter Brinkmann in „Rom, Blicke“.

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15. „Bussard absegelt Planquadrat“ – heißt eine Gedichtzeile des Stuttgarter Autors Helmut Heißenbüttel. Folgen Sie unserem Blick, begeben Sie sich mit uns auf Spurensuche.
Jan Hein, Leitender Dramaturg

Der Text ist im Spielzeitheft 2013/2014 erschienen. Das Heft als PDF runterladen

Das Schauspiel Stuttgart zeigt unter der Leitung von Armin Petras zeitgenössisches Theater im Kleinen Haus am Schloßgarten. Den Spielplan des Theaters und des Kammertheaters bestimmen, neben einem spielfreudigen Ensemble und modernen Interpretationen klassischer Dramatik, ein Austausch verschiedenster Kunstformen und eine Auseinandersetzung mit der Stadt und der Region Stuttgart sowie die Zusammenarbeit mit bekannten Regisseuren. Die Spielstätte Nord ist eine Plattform für neue Texte, Autoren und Formate.

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